Gemeinsam essen hält Leib und Seele zusammen

Transkulturelles Kochprojekt für Hauptschüler fördert gegenseitiges Verständnis

„Bruder, gib mir mal den Salat!“ „Wo ist das Salz, ey?“ „Pass mit dem scharfen Messer auf!“ Äußerst lebhaft geht es in der Küche der Hauptschule Erkelenz zu, wenn sich Schüler und Schülerinnen dort einmal pro Woche mittags zum Kochen treffen. Sie alle haben eine Migrationsgeschichte, kommen aus Aserbaidschan und Mazedonien, aus Portugal, Guinea, Syrien und dem Irak. Der ruhende Pol des Kochprojektes ist Jaaed Elyas. Er verliert auch in dem Trubel, den etwa 15 Jungen und Mädchen im Alter von zwölf bis 18 Jahren verursachen, nie den Kopf. Heute stehen „gesunde Wraps“ auf dem Speiseplan. Seelenruhig schneidet der 25-jährige Jeside Hähnchenfleisch in Streifen, während die Jugendlichen um ihn herumwuseln und Gemüse für die Füllung schnibbeln. Finanziert werden die Lebensmittel von der Erkelenzer Flüchtlingshilfe Ankommen.

Als Student der Sozialen Arbeit an der Katholischen Fachhochschule Aachen will Jaaed den Kindern, mit denen er eine Fluchtgeschichte teilt, durch sein Kochprojekt etwas fürs Leben mitgeben: dass man sich gegenseitig unterstützen und voneinander lernen kann, dass man zusammen stärker ist, auch wenn man unterschiedliche Muttersprachen hat und aus unterschiedlichen Kulturen stammt.

Er selbst ist auf Anraten der Eltern vor zehn Jahren im Alter von 15 mit vier Cousins nach Deutschland geflohen. Anlass war der Völkermord an der Glaubensgemeinschaft der Jesiden, den Terrororganisationen wie der IS im August 2014 im Irak begingen. Die Erschießungen, Vergewaltigungen und Versklavungen sind mittlerweile von den UN als Genozid anerkannt. Bis heute sind die Jesiden von Verfolgung und Vertreibung bedroht. In Erkelenz waren Jaaed und seine Verwandten die ersten unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge, die vom Kinderschutzbund betreut wurden. In einem Haus in Alt-Keyenberg wurden sie untergebracht, Vormund waren die volljährigen Cousins.

In der Hauptschule Erkelenz lernte Jaaed Deutsch und die Grundlagen für seine heutige Bildung. Dass er als ehemaliger Schüler dorthin nun als Helfer zurückkehren konnte, macht ihn froh. Weitere Stationen in Jaaeds Erfolgsgeschichte sind der Realschulabschluss 10B, das Fachabitur am Berufskolleg und ein Bundesfreiwilligendienst beim Kinderschutzbund. Danach war für ihn klar: Er möchte anderen helfen, etwas zurückgeben, was ihm selbst Gutes in Deutschland widerfahren ist. Heute studiert er im sechsten Semester Soziale Arbeit, ist seit zwei Jahren mit seiner jesidischen Frau verheiratet und wohnt in Erkelenz. Dem Kinderschutzbund ist er als Teilzeitkraft neben dem Studium treu geblieben.

Und nach den Sommerferien heißt es für ihn wieder: Zurück an den Herd in der Hauptschule, um sein ehrenamtliches transkulturelles Koch-Konzept fortzusetzen. Transkulturalität bedeutet, dass Kulturen nicht isoliert existieren, sondern sich durch Migration, Globalisierung und andere Einflüsse vermischen und gegenseitig durchdringen. Dabei entsteht immer wieder Neues. So wie in der Hauptschulküche, in der die Schüler Rezepte und Zutaten aus ihrer Heimat immer wieder zu neuen leckeren Gerichten kombinieren und dabei selbst – ganz nebenbei – besser zusammenwachsen.

Bild: Jaaed Elyas ist der ruhende Pol in der Küche. Foto: Andrea Ludwigs-Spalink

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